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Herzlich willkommen - Das Waisenhaus für ausgesetzte Träume ist das Webtagebuch des Autors Kersten Flenter von der Agentur für Sprache und Zweifel

Die Beiträge dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt. Nachdrücklich nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors

www.flenter.de

aus: 30451 Hannover
 



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Mai 2009 - Tränen der Freude in Mehmeds Pizza Burger

Der Himmel verdunkelt sich und ein schwarzer Schatten fällt in Mehmeds Pizza Burger. Ein Mann betritt das Schnellrestaurant. Er ist hochgewachsen und sein Äußeres verdächtig unauffällig. Er trägt Sandalen, einen Schottenrock, ein T-Shirt mit israelischer Flagge drauf, darüber ein Nadelstreifensakko. Sein Gesicht verschwindet hinter einem gewaltigen schwarzgrauen Rauschebart. Auf dem Kopf trägt er eine Ferrarikappe, aus deren Öffnung am Hinterkopf ein blonder Pferdeschwanz lugt.
„Du wirst hier nicht bedient“, sagt Mehmed. „Wieso nicht?“, will der Kunde wissen. „Wir sind ausverkauft“, sagt Stroganow. Ich blicke den Eindringling an. Ganz klar, ein Nazi. Das hat Mehmed gleich erkannt. „Auch kein Lahmacun mehr?“, fragt der Nazi. „Nichtmal mit Sauerkraut“, sage ich. Der Nazi beginnt zu weinen. „Also gut“, sagt Stroganow, „du bekommst einen Döner, wenn du einen kleinen Intelligenztest bestehst. Beruhige dich, wir fangen mit etwas leichtem an. Los, Nazi, stell dich auf ein Bein und schließ die Augen. Wenn du das 30 Sekunden schaffst, kriegst du schon mal ein Salatblatt.“
Der Nazi hebt das rechte Bein und fällt sofort um. „Wusst ich’s doch“, sagt Mehmed, der kann nur Armheben, mit allem anderen ist der überfordert.“
Wir ziehen den Ohnmächtigen an den Sandalen aus Mehmeds Laden und legen ihn zum Ausschlafen in die Sonne. Stroganow legt noch eine Scheibe Käse drauf.
„Mir macht das schon ein wenig Sorge“, überlege ich, sollten wir ihn nicht lieber ins Tierheim bringen?“ „Die nehmen ihn nicht“, sagt Stroganow, „zu schwer vermittelbar.“ „Immerhin braucht er keinen Auslauf“, gebe ich zu bedenken, „ein gesicherter Balkon würde reichen.“ „Ich glaube, du machst dich über Nazis lustig“, sagt Mehmed. „Was denn sonst“, erwidere ich, „soll ich etwa vor Angst erstarren? Hohn und Spott sind immer noch die wirkungsvollsten Waffen gegen die Dummheit. Es gibt viel zu wenig Naziwitze in diesem Land.“ „Ich kenn einen“, sagt Mehmed, „passt auf, der kürzeste Naziwitz: kommt ein Nazi nach Linden!“
„Super“, sagt Stroganow und biegt sich vor Lachen. Tränen kullern seine unrasierten Wangen hinab. Rührend. „So, jetzt aber mal wieder im Ernst“, sagt Mehmed, „was wollt ihr denn eigentlich essen?“ Ah, fast hätten wir vergessen, warum wir hier sind. „Pommes Salbe“, sagt Stroganow. „Mit Salatgarnitur“, ergänze ich, und nehme mir einen Ayran aus dem Kühlschrank. Draußen überbackt ein Nazi in der Sonne.
25.5.09 18:33


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April 2009 - Inventur

Es war Zeit für eine Inventur, hatte Stroganow in einem Anfall von Sadismus beschlossen. Also saßen wir gemeinsam mit Bülent Mittelschmidt im Hinterzimmer des Kiosks und zählten Salinos, als es ans Fenster pochte. „JA??!!?!“, raunzte Stroganow, „wer stört?“ „Ich bin’s, das Glück“, sagte das Ding vor dem Fenster. Mittelschmidt und ich sahen von unserem Lakritzberg auf und blickten verwundert hinaus, aber Stroganow sah nicht mal hin. „Hast du Kippen bei?“, wollte er wissen, und das Glück schwenkte eine Packung NIL vor unseren Augen. „Lass ihn doch rein“, schlug ich vor. „Ihn?“, überlegte Mittelschmidt, „für mich ist das Glück immer eine Frau gewesen.“ „Schwer zu sagen“, überlegte Stroganow, „das Ding durchläuft Metamorphosen.“
Das Glück trat ein, wir schwiegen ein paar Tage vor uns hin, und der Salino-Haufen wurde etwas kleiner. Unvermittelt brach Stroganow plötzlich das Schweigen: „Und sonst?“, fragte er das Glück. „Naja. Muss ja“, seufzte das Glück, zündete sich eine neue Zigarette an der alten an und begann wieder zu schweigen. Mittlerweile war ich mir sicher, dass das Glück keine Frau sein konnte. Vielleicht ein Insekt, eine Heuschrecke zum Beispiel. Rauchten Heuschrecken Kette? Ich war nicht überzeugt von meiner Idee. Das Glück begann, mit Stroganows LEGO-Steinen das Ihmezentrum nachzubauen. „Gar nicht schlecht“, sagte Mittelschmidt, „so von oben betrachtet. Sehr farbecht.“ Stroganow warf einen kritischen Blick auf das Gebilde. „Du musst da unten ein paar Lücken lassen“, bemerkte er, „sonst wirkt das nicht echt.“ „Nichts, was aus LEGO ist, ist echt, du Dorftrottel“, sagte das Glück und suchte nach einem Doppelsechser. „Muss ich mir das bieten lassen?“, fragte Stroganow in die Runde. Mittelschmidt und ich schüttelten unser schütteres Haupthaar mit samt den Köpfen daran. Schweigende Eindringlinge konnten wir gar nicht verkraften. Wir wollten Unterhaltung, Spaß und Spannung. Das hier bot nichts davon. Stroganow gab dem Glück einen Tritt in den Hintern, und dann saß es draußen auf der Straße. Wir bestiegen wieder unseren Salino-Berg. „Was war das denn?“, fragte ich. „Das war das Glück“, sagte Stroganow. „Wie langweilig“, befand Mittelschmidt, und das war es dann auch gewesen.
25.5.09 18:32


Dezember 2008 - Die großen Fragen der Menschheit, Teil 4: Wo, verdammt noch mal, ist schon wieder me

Früher fürchteten die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, heute fürchten sie eher die Nacktfotos der Ehefrau Sarkozys. Carla Bruni und Nicolas Sarkozy – das sind die Majestix und Gutemiene von heute. Und der grantelnde Fischverkäufer Verleihnix wird heute von so einem wie Stroganow verkörpert, vielleicht aber auch von Gott selbst. Wenn der uns den Himmel auf den Kopf schmeißt, ist das immerhin noch besser, als einen Fisch von Verleihnix an den Kopf zu bekommen oder einen guten Rat von Stroganow. Neben seinen diversen Handelsunternehmen in Sachen wohlfühliger Substanzen ist Stroganow ja bekanntlich auch als Heiler verwirrter Seelen unterwegs, antwortet auf Fragen, die niemand stellt, stellt Zusammenhänge her, wo keine sind und vertritt Meinungen, die niemand braucht. Das macht ihm nun mal Spaß, nicht nur in seiner unmittelbaren Umgebung, sondern auch auf der ganzen Welt.
Zum Beispiel ist Stroganow nach wie vor der Ansicht, der Einsturz des World Trade Centers sei nur ein böser Trick David Copperfields, der die Trennung von Claudia Schiffer nicht verkraftet habe. Da können wir und nur freuen, dass Madonna und Guy Richie sich einvernehmlich gegen eine kleine Abfindung trennten, sonst müssten wir vielleicht damit rechnen, dass Madonna aus Rache wieder anfängt, in Kinofilmen mitzuspielen, was weitaus tiefere Schäden hinterließe als Mohammed Atta je vermochte. Der Wert einer Katastrophe bemisst sich nun mal nicht an der Zahl von Toten oder Verletzten, sondern an der medialen Aufmerksamkeit. Das ist im Großen so wie im Kleinen. Wie im Kosmos, so im Kiez. Auch hier bei uns zeigt sich doch, dass die Realität nichts anderes als die Summe angehäuften Schwindels ist. Handele so, dass die Maxime deiner eigenenVerblödung jederzeit auch Maxime einer allgemeinen Verblödung sein könnte, wusste schon Kant. Und der wusste noch, wo er steht.
Kommt es auf unseren Standpunkt an, oder nur auf unsere Vorstellung? Wer bestimmt eigentlich über mein Leben?
„Das ist doch am Ende egal“, sagt Stroganow. „Das Prinzip bleibt gleich: Nichts geht mich etwas an, solange die Katze meines Nachbarn nicht auf meinen Fußabtreter kackt.“
„Häh?!“, wunderte ich mich.
„Anders gesagt: was Du nicht willst, das man Dir tu, das lässt Du auch in Ruh. Einfaches Prinzip. Kümmer Dich um nichts, dann wird sich auch um dich nicht gekümmert.“
„Aber wie soll ich das denn bloß alles verstehen? Oft habe ich Angst, dass ich den Überblick verliere.“
„Das macht doch nichts“, sagt Stroganow. „Nimm dir einen Keks und entspann Dich. Schau, wer Du bist und wo Du stehst.“
„Ich bin ein Vertreter der Agentur für Sprache und Zweifel und stehe mit einem halben Liter Bier an Deinem Kiosk.“
„Na bitte“, erklärt Stroganow, „dann ist doch alles gut, solange Du hier bist, bist Du auch sicher – hier an meinem Kiosk am Rande des Universums.“
25.5.09 18:30


November 2008 - Sphären fortschreitender Verblödung

„Mein Kiosk kann fliegen“, sagte Stroganow, als ich gerade in einer Tageszeitung vom Tod Jörg Haiders las. War Haiders Autounfall ein Zufall, oder hat er sich bewusst aus dem Staub gemacht? Schon ein Landsmann von ihm, der Sänger Falco, hatte seinerzeit, da war zumindest unser Verschwörungsexperte Stroganow sicher, stilsicher seinen eigenen Tod per Autounfall inszeniert. Ohne den Nazi mit dem talentierten Sänger in einen Topf werfen zu wollen, besteht zumindest auch bei Haider die Möglichkeit, dass er in Dinge verstrickt war, von denen wir lieber nichts wissen. Denken Sie an Barschel. Zur Zeit der Börsencrashs ließen sich Möglichkeiten für Haiders Abgang zuhauf finden. Und das mit dem zu schnellen Auto und den 1,8 Promille – da hat sicher jemand an den Bremsen gespielt und ihm den Alkohol heimlich injiziert. „Sag mal“, falle ich Stroganow in die Gedanken, „reicht es nicht einfach, dass Haider weg ist? Können wir uns nicht einfach auch mal freuen, ohne gleich garstige Hindergedanken zu hegen? Dein Kiosk kann also fliegen. Das ist doch auch was.“
„Ja, mein Kiosk kann fliegen“, freute Stroganow sich.
„Wie heißt diese neue Droge, die du da eingeworfen hast?“, frage ich neugierig.
„Das Weltall – unendliche Weiten!“, sinniert Stroganow, „es ist gut, ein bisschen weltentrückt zu werden, oder?“
„Wir brauchen alle mal Urlaub“, warf ich ein.
„Es geht um mehr, du Hasenhintern. Es geht darum, mal Abstand zu gewinnen von unseren eingefahrenen Sichtweisen. Jetzt, wo die Banken und Börsenmakler mal endlich als das wahrgenommen werden, was sie sind, nämlich Jongleure virtueller Werte; jetzt wo die Leute auf einmal wieder anfangen, Marx zu lesen und den Sparstrumpf aus der Wäschetruhe holen, da brauchen wir mal eine Änderung des Blickwinkels. Diese neue Substanz, die mein Freund Mittelschmidt jüngst bei einem Praktikum in einem chemischen Labor entdeckte, wird uns dabei helfen. Du kannst sie rauchen, trinken, inhalieren oder in Baumkuchen einbacken. Ich verkauf Dir das Zeug zum Vorzugspreis.“
„Danke“, sagte ich, aber ich versuche lieber mal, einen klaren Kopf zur Analyse des bizarren Weltgeschehens zu behalten.“
Stroganow schüttelte sich vor Lachen, und mir war nicht klar, ob es an der Droge oder meiner Äußerung lag. Er half mir auf die Sprünge.
„Ein klarer Kopf ist genau das, was uns die Vertreter der Finanzwelt auch immer vorgaukeln. Vorgeblicher Realitätssinn, Geschwätz von Globalisierung, der wir uns stellen müssten, ihre vom Prozess gesellschaftlicher Wertschöpfung abgehobene Geldblase – DAS ist die wahre Verneinung der Realität. Und das merken sie jetzt langsam.“
„Merkt wer?“, wunderte ich mich.
„Na, ich nicht“, trotzte Stroganow. Er war dann mal weg. In Sphären fortschreitender Verblödung. „Bring mir was Schönes mit, wenn du wiederkommst!“, bat ich noch, bevor Stroganows Kiosk das Triebwerk zündete.
25.5.09 18:30


Oktober 2008 - Von Autos und Vorbildern

Stroganows Tochter suchte gerade verkaufsfähige Altlasten für den Flohmarkt zusammen. „Ich bin schließlich zu alt für diesen Kinderkram“, gab sie mit der allen 9-jährigen Mädchen innewohnenden Zickigkeit zu verstehen, als mein Blick auf ein Pixie-Buch fiel. Schon in meiner eigenen Kindheit, die gut verpackt in den Gräbern der zweiten Hälfte eines vergangenen Jahrhunderts lag, hatte ich die philosophischen Werke Carla und Vilhelm Hansens geschätzt. Es waren Sätze wie der folgende, auf den ich gerade stieß, die mir stets das eigene Denken beflügelt hatten: „Du hast ein Auto? Aber warum musst du dann soviel nachdenken?“
Kann man die Gedankenlosigkeit der Auto fahrenden Spezies besser in einem Satz formulieren?
„Klar“, mischte Stroganow sich ein, „der Beckstein kann es.“ „Logisch, dass du auf solche Ausschweifungen abfährst“, murrte ich, „du profitierst ja schließlich auch vom Bierkonsum der S-Klasse!“ „Nix, bei mir kaufen kaum Mercedesfahrer.“ „Ich mein ja auch die Sauf-Klasse.“ „Damit kannst du Beckstein aber nicht vergleichen“, insistierte Stroganow, „Beckstein ist zwar ein saufender Proll, aber ein bayrischer. Die Bayern trinken ihr Bier nur deshalb maßweise, weil diese ungenießbare Plörre einfach nicht betrunken macht. Von daher hat er mit seiner Ansicht, man könnte nach zwei Maß Bier noch Autofahren, schon recht. Ich weiß nicht, warum sich alle so darüber aufregen.“ „Da geht es doch um die Vorbildfunktion“, ätzte ich. „Vorbild? Beckstein? Bist du völlig meschugge?“ „Die allgemeine Vorbildfunktion eines Politikers, du Affenhintern.“ „Sag ich doch – du bist vollkommen gaga!“ „Kann ich langsam mal mein Petzi-Buch wieder haben?“, seufzte Stroganows Tochter. „Nein“, sagte ich, „dass kauf ich dir ab. Was willst du dafür?“ „5 Euro.“ „5 Euro??? Das kostet doch neu nur 1,50!!?!“ „Nach eurem Streit finde ich, dass der Marktwert aber viel höher ist.“
„Sag mal“, wollte ich von Stroganow wissen, „was bringst du deiner Tochter eigentlich sonst noch bei außer Bierphilosophie und Vulgärkapitalismus?“ „Schnauze! O’zapft is’!“ Stroganow reichte mir ein gutes altes Lindener Pils aus der Halbliterflasche. Wir ließen unseren Phantasien freien Lauf und plauderten die nächsten 20 Minuten über die Dinge, die niemanden mehr interessierten: die Galaxis, die Börsenkrise und Walter Benjamin. „Hat der was mit Benjamin Blümchen zu tun?“, wollte Stroganows Tochter wissen. „Jetzt reicht’s“, sagte ich, „ich muss los.“ Ich nahm Stroganows Autoschlüssel und machte mich auf den Weg, um die Beckstein-Theorie zu testen.
25.5.09 18:29


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