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Herzlich willkommen - Das Waisenhaus für ausgesetzte Träume ist das Webtagebuch des Autors Kersten Flenter von der Agentur für Sprache und Zweifel

Die Beiträge dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt. Nachdrücklich nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors

www.flenter.de

aus: 30451 Hannover
 



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September 2008 - Per Rollator durchdie Galaxis

Neulich mittags saß ich mit Stroganow und Bülent Mittelschmidt im „Die paar Ungarn“ und feierte den 1408. Tag meiner Befreiung aus der Festanstellung. Stroganow ging es nicht gut, er hatte die Nacht zuvor für Mittelschmidt Bewerbungen aus dem Internet runtergeladen und war entsprechend verkatert, also wollte er sich nur eine kleine Portion Essen bestellen und entschied sich, hierfür den Seniorenteller zu wählen. Überrascht stellten wir fest, dass das Angebot an rentnermagengerechten Speisen seit unserem letzten Blick dafür anscheinend rasant zugenommen hatte. Statt der Miniportion Jägerschnitzel mit Salatgarnitur gab es allerhand vegetarische Kost und Fitnessmenues. „Wozu sollen sich denn die Senioren noch gesund ernähren?“, entfuhr es Mittelschmidt, aber Stroganow besänftigte ihn. „Niemand, mein ewiger Arbeitsmarktnachwuchs, ist heute gefragter als die Alten, sich für die Anforderungen des Erwerbslebens fit zu halten. Wir alle wollen die Auszahlung unserer privaten Altersvorsorge erleben, sind deshalb gezwungen, zumindest so alt zu werden, dass wir das Vertragsende dessen erleben, was wir niemals hätten abschließen müssen, wäre da nicht er Zwang der Versicherungsindustrie, möglichst alt zu werden, damit wir Verträge mit ihr über möglichst lange Laufzeiten abschließen können.“ „Häh!?“ fragte Mittelschmidt. „Häh?!“, fragte ich. „Häh, was!?“, wollte Stroganow wissen. „Mehr Licht“, sagte ich. „Mehr Bier“, antwortete Mittelschmidt. „Euer Unverständnis simplen Schachtelsätzen gegenüber zeigt nur eure geistige Unbeweglichkeit“, raunzte Stroganow, „eure Denkmurmel ist bereits verrentet. Wir müssen aber in Bewegung bleiben, um später einen Platz und Zeit für unsere sinnlosen Gespräche zu haben, wenn sie weiterhin solche bleiben sollen.“ „Schon klar“, sagte ich, „beweglich bleiben.“
Mobilität heißt das Zauberwort des 21. Jahrhunderts. Auch ein 66-jähriger Ingenieur, der nach 39 Jahren Festanstellung seine Stelle verloren hat, sollte bereit sein, für einen 1-Euro-Job täglich zwischen Linden und Bullerbü zu pendeln, das nennt man Zumutbarkeitsklausel und hält die Leute in Bewegung. Dies freut vor allem die Autoindustrie und die Deutsche Bahn. Solange wir es nicht geschafft haben, uns in Raumschiffen fortzubewegen, um den ganzen Schlamassel mal mit Abstand zu betrachten. Per Rollator durch die Galaxis. Weiß jemand die Frage für alle Antworten? „Wir sind die Jungs von der Rollator-Gang, wir haben alle abgehängt“, zitierte Stroganow einen Toten Hosen-Klassiker. Wie werden wir mal enden, dachte ich, als rüde Rentner, die sich beim Headbangen am Rollator festhalten, beim AC/DC-Konzert? Alt-Punks mit meterlangen Ohrlappen, in denen verrostete Sicherheitsnadeln hängen? Was würde die Zukunft für Leute wie uns bringen, die mit der Gewissheit aufgewachsen sind, keine Zukunft zu haben? Auf dem Green Hills Memorial Park-Friedhof hoch über Los Angeles steht auf dem Grabstein eines verstorbenen Dichters: „Don’t try“ – „Lass es bleiben“. Ein ernst gemeinter Rat an alle, die versuchen, dies hier zu verstehen.
25.5.09 18:28


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Juli 2008 - Lauter schlechte Vorwände

Mit Spannung verfolgen Stroganow und ich gerade den Prozess um die Münchener U-Bahnschläger, die im letzten Jahr, pünktlich vor Weihnachten, einen pensionierten Schulleiter fast umbrachten. Aktuell steht zur Debatte, ob die beiden Widerlinge schuldfähig sind oder nicht, da sie zur Tatzeit angeblich volltrunken waren. „Dieses Prinzip der verminderten Schuldfähigkeit ist doch eine der perfidesten Errungenschaften der Justiz“, gibt Stroganow zu bedenken, und da gebe ich ihm mal wieder Recht. Man muss sich nur rechtzeitig und genügend vollaufen lassen, und dann hat man eine Lizenz zum ungestraften zum Töten? Gut, dass die Nazis zu blöd sind, um diesen Freibrief lesen zu können.
Mal ehrlich, so schafft unser Rechtssystem doch nur immer neue Vorwände zum ungehemmten Saufen. Einzig die Osteuropäer machen sich darüber keinen Kopf, die trinken sich den Kopf matschig, ohne einen Grund dafür zu suchen. Wir Deutschen dagegen brauchen für maßlosen Drogenkonsum jeweils ein Alibi: der Langzeitarbeitslose hängt eine Angel in den Teich, die Kiffer am Fluss hängen sich Trommeln um, Schützen tragen Uniformen, Politiker gehen zum Arbeiten in den Landtag. Im Juni klammerte der Deutsche kleine Fähnchen an sein Auto oder setzte sich dämliche schwarzrotgoldene Perücken auf. Alles nur, um einen Vorwand zu haben, sich mal richtig vollaufen zu lassen. Für das ruhige Umweltgewissen säuft man am besten noch Krombacher, damit rettet man sogar den Regenwald.
„Jetzt reg dich doch nicht auf“, seufzte Stroganow, „Spanien ist Europameister, die Fahnen sind wieder runter, und hier in Hannover hält sich jeder an das Rauchverbot in der U-Bahn. Alles wird gut!“ „Auch das Ihmezentrum?“ „Arg, nicht schon wieder!“ „Die Brücke am Küchengarten ist schon weg.“ „Na, darauf könnten wir ja mal einen trinken gehen!“ „Guter Vorwand“, gab ich zu, und ließ Stroganow seinen Kios aufschließen.
25.5.09 18:27


Juni 2008 - Geheime Aktivitäten im Teich der tumben Tölpel

Das Erscheinen dieser Juni-Ausgabe von Stroganows Lieblings-Postille fällt, wir können uns dieser Erkenntnis nicht entziehen, zusammen mit einem sportlichen Großereignis europäischen Kollektivtaumelns, sprich: der Fußball-EM 2008. Es erscheint daher an dieser Stelle angemessen, die allgemeine, sich durch sinnlos im Fahrtwind flatternde Plastikfähnchen an Mittelklassewagen äußernde Hysterie einmal skeptisch zu betrachten und uns zurück zu erinnern an das, was vor zwei Jahren innerhalb der wochenlangen Public viewing-Orgien bei der WM 2006 passierte. Mein eigenes einschneidendes Erlebnis zu dieser Zeit bestand darin, dass Stroganow und ich eines Abends von einer uns bis dato als integer und intelligent erschienenen Frau rüde gescholten wurden, dass wir doch beim Absingen der Nationalhymne gefälligst den nötigen Respekt zollen und keine Unterhaltung führen sollten. Das war beängstigend und komisch zugleich. Schließlich hatte Hoffmann von Fallersleben auch keinen Respekt mir gegenüber gezeigt, als er sich seine nationalistischen Drecksverse aus dem zugekifften Schädel sog. Immerhin, Stroganow machte in seinem Kiosk zu dieser Zeit eine gute halbe Million Euro mit dem Verkauf von Bionade, Bier und Zigaretten; das ist noch halbwegs politisch korrekt, denn der Handel mit berauschenden Substanzen zur Vernebelung des Sichtbaren gehört zu seinen Lieblingsaktivitäten. „Nix besonderes“, sagte Stroganow also, „was für Millionen von Deutschen zu dieser Zeit neu war, zum Beispiel das Umarmen wildfremder Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln oder die Freundlichkeit ausländischen Menschen gegenüber, gehört hier im Stadtteil bereits lange zur Kultur.“ Nein, neu war etwas ganz anderes – wir erinnern uns, dass unsere Volksvertreter unter ihrer Berliner Glaskuppel, während sich unsere Kanzlerin, die sich in den Stadien der Republik zwischen Westernhagen und Beckenbauer lächelnd untätig gab, einen ganzen Haufen perfider Gesetze verabschiedete, die wir erst nach unserem Aufwachen, Wochen nach der WM, gewahr wurden.
Es bleibt also mit Vorsicht zu beobachten, was sich hinter den Kulissen des Reichstages während der europäischen Variante des Fußballs an Aktivitäten entfesseln wird. Zur Stunde scheint mir die Chance auf eine gute Lachnummer recht groß, wie sich neulich schon im Fernsehen bei der hübschesten Klofrau der Nation, Anne Will, zeigte. Ein debil in die Kamera grinsender Guido Westerwelle, ein Student, der Arbeitslosen das Wahlrecht aberkennen möchte, und dazu eine sich als Filmemacherin tarnende Denunziantin, die wieder einmal die Armen des Landes zu Schmarotzern erklären wollte. Und als Höhepunkt eine ebenfalls wahrscheinlich unter Kawummbrause stehende Moderatorin, die vom SPD-Vertreter in der Runde ernsthaft das Versprechen wollte, dass die SPD Gesine Schwan nicht mit den Stimmen der Linken zur Bundespräsidentin wählen lassen würde. Demokratie-Basics Note 6, Frau Will. Aber irgendwie auch immer wieder Bestätigung unserer Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen Tragik und Komik. Wohlan – Bier kalt stellen, Fahnen raus und auf in die Länder von Kuhkadaversprengern und Langsamsprechern. Oliver Pocher kommentiert. Die wahre Welt findet im Fernsehen statt.
25.5.09 18:26


Mai 2008 - Vom Missbrauch des Mondes

Ich stand mit dem Fernglas in der Hand vor Stroganows Kiosk und sah mir den Mond an. „Meinst du, der reicht aus?“, fragte ich Mittelschmidt. „Wozu?“ wollte der wissen.
„Für den Mondlicht-Einkauf“, sagte ich. „Häh!?“ „Moonlight-Shopping, du dummer Praktikant. Die Tageszeitung brachte neulich einen großen Artikel über den Erfolg des ersten „Moonlight-Shopping“-Events in der Innenstadt. Angeblich sollen 150.000 Leute an einem Freitagabend wild konsumierend durch die City gestreunt sein.“
„Kann ich mir gut vorstellen. In diesem Land funktioniert ja mittlerweile jeder Blödsinn, jede noch so schwachsinnige Marketingstrategie. Der Comedian Mario Barth füllt das Berliner Olympiastadion. Warum zieht es 70.000 Leute in ein Stadion, um dort einen mindertalentierten Spacko zu sehen, den man ja gar nicht live, sondern nur noch auf einer Leinwand sehen kann?“ „Weil es ein Event ist. Übrigens ist das ja nicht neu. In den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhundert sind die Leute auch in Scharen ins Olympiastadion gerannt, um dem ein oder anderen Deppen zu lauschen.“
„Moonlight-Shopping… so eine Hirngrütze“, sagte ich, „das habe ich doch jeden Tag auf meinem Kiez. Mein Kiosk hat bis mindestens 24 Uhr geöffnet, und das jeden Tag in der Woche.“ „Außerdem muss man mit den kleinen Geschäftsleuten solidarisch sein!“ „Ja, aber Solidarität ist teuer. Ich kaufe ja jeden Monat 70 Exemplare des Asphalt-Magazins, um meinen Beitrag zu Solidarität und Toleranz zu leisten. Mit der Folge, dass ich sie mittlerweile selbst verkaufen muss.“ Egal. Für uns gibt es nur eines: WIR KAUFEN AM KIOSK!
Und das freut Stroganow. Ein Kiosk ist die letzte Bastion des Einzelhandels gegen die Monopolisierung des privaten Konsums. In einem Kiosk wird der Kassierer nicht per Video überwacht, der Käufer nicht beim Eintippen seiner EC-Geheimzahl gefilmt, du zahlst auch nicht mit gläsernmachender Paybackkarte, und erst recht bekommst du am Kiosk keine Sammelpunkte, für die man Dinge kauft, die man gar nicht braucht, um Rabatt auf Dinge zu bekommen, die man ebenfalls nicht braucht. Nein, der Kiosk ist die letzte Zufluchtstätte der Vernunft in einer blödsinnig gewordenen Konsumlandschaft. Der Kiosk ist der legitime Nachfolger des Tante Emma-Ladens, das heißt, die Tante Emma-Läden sind gar nicht verschwunden, wie wir immer klagend behaupten. Es sind jetzt lediglich Onkel Achmed-Läden, aber wir bekommen dort immer noch alles, was wir für den täglichen Bedarf benötigen. Vor allem Bier. Und Sinn und Verstand.
25.5.09 18:25


April 2008 - April? April!

„Reingelegt“, sagt Stroganow. Gerade hat er mir noch gesagt, er wolle mal wieder ein ernsthaftes Gespräch führen.
Es ist der 1. April. Ich gehöre zu denjenigen, die mit solchen Kalenderblattsitten immer wieder aufs Neue zu behumsen sind. Am schlimmsten sind die variablen Feiertage. Meine Zeit wird im Wesentlichen von religiösen Datierungen bestimmt, das geht mir schon ewig auf die Eier, nicht nur zu Ostern. Und außerdem habe ich schon bessere Scherze über mich ergehen lassen müssen. „Traditionen müssen gewahrt werden, du Weichei, sonst sind sie doch keine mehr“, schlägt Stroganow vor. Ibäh, denke ich, diese Tradition hat uns schon so manches Übel beschert. Denken wir an die großen Aprilscherze der Menschheit: Alsterwasser, Blockflötenunterricht für Jungen, Bruce Darnell…“ „Oder denk mal an die Twin Towers“, sagte Stroganow. „Häh!?“ „Am 11. September 2001 ließ David Copperfield das World Trade Center verschwinden. Eigentlich hatte Copperfield das für den 1. April geplant, aber irgendwie gab es ein paar technische Probleme. Und als es dann klappte, war zufällig gerade Mohammed Atta auf Studienfahrt in die USA, und da…“ „Du spinnst doch, Stroganow! Das ist mal wieder eine deiner Verschwörungstheorien!“ „Na und? Irgendwer muss uns doch reingelegt haben.“ „Manche glauben an Gott.“ „Wie Leibniz zum Beispiel.“ „Was hat denn der mit dem 1. April zu tun?“ „Ganz klar: am 1. April 1703 hat Leibniz das duale System erfunden.“ „Du meinst das dyadische System?“ „Genau. Ist in etwa das Gleiche. Eine frühe Form der Mülltrennung. Leibniz sah die Zahlen aus dem Geist der Religion. Für Gott setzte er die 1 und für das Nichts die 0.“ „Und da wurde der analoge Gott zu einem digitalen!“ „Exakt. Das Prinzip haben wir jetzt am Hacken. Ein Aprilscherz mit Nachhaltigkeit! Und seither ist es Sitte, an jedem 1. April seine Mitmenschen auf’s Kreuz zu legen.“ „Da fällt mir was ein“, sagt Stroganow, und legt sich rücklings in seine Hängematte, die unsoziale. „Reingelegt“, sage ich. „Weißt du was?“, flüstert Stroganow, „das mit Leibniz stimmt gar nicht.“ „Doch, bis auf dieses kleine schlechte Datum vielleicht.“ „Es gibt kein schlechtes Datum, es gibt nur falsche Kleidung“, sagt Stroganow. Ich s
sag lieber nichts mehr.
25.5.09 18:25


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