Skizzen von unterwegs

  Startseite
    Skizzen von unterwegs
    Frisch gelesen!
    Wiedergelesen...
    Dominante Versager
    Urban Electronic Poetry
    Lesebühne OraL
  Über...
  Gästebuch
  Abonnieren
 


http://myblog.de/kersten

Gratis bloggen bei
myblog.de





Über

Herzlich willkommen - Das Waisenhaus für ausgesetzte Träume ist das Webtagebuch des Autors Kersten Flenter von der Agentur für Sprache und Zweifel

Die Beiträge dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt. Nachdrücklich nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors

www.flenter.de

aus: 30451 Hannover
 



Werbung



Blog

März 2008 - Und wir schaukeln unsere Eier in Unwissenheit

Seit zwei Jahren hält sich Stroganow klammheimlich ein Zweitdomizil auf Sardinien, wahrscheinlich von all den Tantiemen, die ich ihm Monat für Monat für seine qualifizierten Stichwörter zur Lage der Nation und der Lindener Befindlichkeiten im Speziellen überweise. Die SMS, an der ein kleiner Rotweinfleck klebte, erreichte mich direkt aus seiner Hängematte auf einer Gemeinschaftssitzung der Bezirksräte Mitte und Linden/Limmer. Ina und ich wollten doch mal hören, was die Stadtverwaltung so an Argumenten aufbieten würde, um ihr krudes Vorhaben, die Bäume hinter dem Ihmezentrum, auf der anderen Seite des Flusses um das Glockseefort herum komplett abzuholzen, zu rechtfertigen. Irgendjemand hatte bereits den Begriff „Hochwasserschutz“ besetzt, was bei allen Menschen mit Verstand im Saal Belustigung hervorrief. Da soll also eine neue Brücke am Schwarzen Bären gebaut werden, weil die bestehende angeblich das Wasser stauen würde. „Was hältst Du von dem Schwachsinn?“ simste ich Stroganow. „Ist mir doch egal“, simste Stroganow zurück, „das ist die falsche Seite der Ihme, geht mich nix an!“ „Geht dich nichts an? Da leben haufenweise Vögel, Eichhörnchen, Fledermäuse in den Bäumen. Ganz klammheimlich wollen die dieses Verbrechen durchziehen, vorbei an den Bürgern und der Vernunft. Dafür ist Kant nicht gestorben! Und außerdem kaschieren die Bäume, wenn man von dort aus guckt, wenigstens ein bisschen den Linden-Park!“
Mein Handy klingelte plötzlich, das war mir peinlich. „Das passt jetzt nicht mehr in eine SMS“, erklärte Stroganow, „wir müssen reden.“ „Na gut, ich geh mal mit dir raus.“
„Pass auf“, begann Stroganow, als ich draußen auf dem Flur mit ihm weiter telefonierte, „jetzt liegt die ganze Chose für mich klar auf der Hand. Ich wunder mich, warum mir die Steuerfahndung im Nacken sitzt, obwohl ich doch gar nichts verdiene. Hab nur neulich mal versucht zu expandieren und einen Kiosk in Liechtenstein zu eröffnen. Riesenaufruhr um das Steuer-Thema gerade. Und jetzt weiß ich auch warum: das ist eine Aktion der Stadtverwaltung Hannover, um die Aufmerksamkeit vom Thema abzulenken und heimlich und in Ruhe diese Bäume abhacken zu können!“
So hatte ich das bislang nicht gesehen. Diesen Zusammenhang zwischen Zumwinkels Abgang und den Gelüsten der Stadtverwaltung herzustellen, bedarf es schon eines ausgemacht wild denkenden Hirnes wie Stroganows. Allerdings: im Hinblick auf Arroganz und Dreistigkeit lässt sich da sicher schon ein Äquivalent finden.
Als ich zurück in den Saal kam, war Ina eingeschlafen. Seit drei Stunden hielt ein Experte der Harzwasserwerke einen Vortrag darüber, warum die Talsperren im Harz mit dem Hochwasser hinter dem Ihmezentrum rein gar nichts zu tun haben. Gut, dass es noch Experten gibt.
25.5.09 18:24


Werbung


Februar 2008 - Dem Landesvater sein treues Volk

„Komm schon“, raunzte ich Stroganow an, „wir wollen doch noch zum Schwimmen.“ „Wart mal, ich schreib mir nur noch mal eben die Namen der NPD-Kandidaten auf. Die halten sich ja sonst immer so versteckt. Mal gucken, wer die sind und wo die wohnen.“ „Gute Idee.“
Ansonsten war alles wie immer. Wir gehörten zur 52%-igen Elite des Wahlkreises, die sich eine Stimmabgabe bei der Landtagswahl leistete. Das Ergebnis war von vornherein klar, trotzdem wetteten wir, aus alter Gewohnheit. Stroganow würde wieder gewinnen, das heißt, mit seinen Zahlen richtig liegen, und am Ende würden wir trotzdem beide verloren haben. „Ich sach mal, 46,1% für Jüttner, 11,1% für die Grünen und 10,9% für die Linke.“ „Klingt nicht schlecht“, seufzte ich, aber am Ende werden wir uns wieder dem Ergebnis der doofen Hannoveraner und der niedersächsischen Fläche beugen müssen.“ Natürlich. Das Lächeln geht weiter, kein Grund, etwas zu verändern, die sozialen Katastrophen in diesem Land werden in der zweiten Reihe verbrochen, auf Ministerebene, und über all dem klebt die besänftigende Schleimspur des Landesvaters, der nur Gutes im Schilde führt. Uns gelüstete nach noch mehr Sympathieträgern, und so gingen wir schwimmen.
Beim Eintritt ins Fössebad stolperten Stroganow und ich über ein Bündel am Boden vor der Eingangstür, das neben einer Wodkaflasche lag und stöhnte. Zwei weitere Schnapsleichen warteten ebenfalls darauf, noch weggeräumt zu werden. Wir zogen mürrisch unsere Bahnen und saßen später im Foyer, tranken Kaffee und belauschten ein Gespräch unter Stammgästen. Bekanntlich befindet sich direkt unter dem Fössebad ein kulturfördendes Etablissement mit lustigem Namen, das sich selbst gern als „Laden Eures Vertrauens“ bezeichnet. „Ihr glaubt es nicht“, begann eine frisch toupierte Blondine in den späten Fünfzigern, „was mir vorhin passiert ist! Da komme ich wie immer morgens um sieben ins Bad, und was kommt mir da aus dem Keller entgegen? Drei laut grölende junge Menschen. Aus der Disco! Morgens um sieben!“ Zustimmendes, empörtes Kopfnicken von den anderen Frührentnern. „Was soll man denn dazu sagen? Die gehen morgens um sieben nach Hause. Und wisst ihr, was die dann machen? DIE SCHLAFEN DANN! Bis mittags oder so!“ „Also für mich gab es in dem Alter nur eins: Arbeiten und Ausbildung!“ „Was soll aus denen denn nur werden?“ „Morgens um sieben kommen die ausser Disco!“ „Wir wollten uns den Schuppen mal angucken. Ich kenn ja den Wirt.“ „Ja, der heißt doch Heinz oder so.“ „Ich glaub, das ist nur ein Künstlername.“ „Lass uns da mal reingehen. Nächste Woche gleich.“ „Genau. Dann gucken wa mal.“ „Was ist wohl bescheuerter“, wollte Stroganow wissen, „morgens um sieben aus dem Heinz zu kommen oder zum Schwimmen zu gehen?“ Er seufzte und blickte hinaus. Eines der Bündel vor dem Eingang begann zu zucken. Die Stammgäste nahmen sich noch Kaffee. All diese Menschen! Die Hälfte von ihnen war wählen.
25.5.09 18:23


Hadayatullah Hübsch: Die ersten 100

Hadayatullah Hübsch ist aus der deutschen Literaturlandschaft überhaupt nicht wegzudenken. Seit Ende der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts streitet der Frankfurter Autor mit den Mitteln der Poesie und des Wortes unermüdlich für eine gerechtere, freie und ehrliche Welt.
Über 100 Titel veröffentlichten Schaffens sind mittlerweile entstanden, darunter vielfach preisgekrönte Lyrik, experimentelle Prosa und Sachbücher, zumeist zum Islam, sowohl in Kleinst- bis Kleinverlagen als auch in der heren Sphäre der Großverlage. Da viele der Broschüren und Bücher in einer kleinen Auflage erschienen, mittlerweile vergriffen sind und der Öffentlichkeit kaum mehr zugänglich, hatte der Riedstädter Ariel Verlag die schöne Idee, "ein Buch zu machen, in dem all die verstreut erschienenen, zum Teil längst vergriffenen Publikationen aufgelistet würden". Herausgekommen ist nun nicht nur eine umfassende Bibliographie, in der erstmals alle bibliographischen Angaben zu sämtlichen Titeln und Texten aus vergriffenen Raritäten, sowie den größten Klassikern, sondern eine an Anekdoten aus der Literaturlandschaft reichhaltige Geschichte des Schreibens eines der bemerkenswertesten Autoren der Republik.
Besonders dankbar dürfen wir den Herausgebern für die Vielzahl sonst nicht mehr zugänglichen Gedichte aus den Anfangsjahren des Autors Hübsch sein, z.B. aus den bei Luchterhand erschienenen frühen Gedichtbänden "Mach was du willst" und "ausgeflippt". Begleitet von zahlreichen Anekdoten und Hintergrundinformationen zur Entstehung seiner Publikationen, gibt Hübsch nicht nur einen autobiographischen Einblick in sein literarisches Schaffen, sondern zeichnet auch ein gutes Stück bundesdeutscher Literaturgeschichte. "Hadayatullahs Kanon", wie etwas schelmenhaft auf dem Cover zu lesen ist, dürfte binnen kurzer Zeit zu einem Standardwerk gehören. Darüberhinaus: eine längst fällige Hommage an den Autor, der für eine Vielzahl junger Autoren Identifikationsfigur ist und dessen Einfluss auf das kreative Schreiben in diesem Land kaum zu hoch zu bewerten ist.

Hadayatullah Hübsch: Die ersten 100. Ariel Verlag 2003, 132 S., 15 Euro
(c) Kersten Flenter
16.1.08 18:08


Dermot Bolger: Die Reise nach Valparaiso

Die Reise nach Valparaiso

Ein irisches Gedicht, dass Brendan Brogan in der Schule gelernt hatte, handelte von einem Mann, der ein Schiff sieht und am liebsten aus der Welt flüchten würde, in der er gefangen ist, um als anderer Mensch ein neues Leben anzufangen. „Valparaiso“ heißt dieser mystische Ort, den Dermot Bolger seinen Protagonisten sich ersehnen lässt. Brendan wächst in einer Kleinstadt unweit von Dublin auf. Als sein verwitweter Vater erneut heiratet, verliert der Achtjährige sein Bett, sein Spielzeug und seine Stellung in der sozialen Hierarchie des Ortes an seinen neuen Stiefbruder Cormac. Die nächsten fünf Jahre verbringt er nachts in einem Stall am Haus, wird von seiner Stiefmutter gepeinigt und seinem Vater nur geduldet; in der Schule wird er zum Prügelknaben von Pete Clancy, dessen Vater, ein korrupter Politiker und Bauspekulant, das gesellschaftliche Leben am Ort bestimmt. Erst allmählich entdeckt Brendan die Zuneigung und Hilfe seines Stiefbruders, dessen Homosexualität ihn ebenfalls zum Außenseiter stempelt. Mit Cormacs Selbstmord einige Jahre später erfährt Brendan von den Verstrickungen seines Vaters in die Korruptionen vor Ort. Als ein Zug, in dem er eigentlich sitzen sollte, verunglückt, nutzt Brendan die Gelegenheit, seinen eigenen Tod vorzutäuschen und beginnt ein neues Leben. Seine gescheiterte Ehe und seinen siebenjährigen Sohn lässt er zurück. Erst nach weiteren zehn Jahren, als er vom Mord an seinem Vater und einem Überfall auf seinen Sohn durch die Zeitung erfährt, kehrt er an den Ort seiner Kindheit zurück. Auf der Suche nach Klärung und nicht zuletzt Rache werden für Brendan, der seine Identität zunächst nicht preisgibt, die Schrecken seiner Vergangenheit wieder lebendig.
Dermot Bolger, irischer Autor, Verlagsleiter und Träger des Samuel Becket-Preises, hat mit „Die Reise nach Valparaiso“ einen Thriller geschrieben, dessen Spannung sich nicht zuletzt aus der intelligenten Komposition aus Rückblenden und der nur fünf Tage währenden Jetztzeit der Handlung ergibt. Darin zeichnet der Autor sowohl ein unbarmherziges Portrait einer irischen Gegenwart im Wandel, als auch eine zeitlose Generationenstudie, in der das Versagen der Vätergeneration ihre Kinder in unentrinnbare Schatten hüllt. Brendan Brogan ist wahrlich kein klassischer Held – spielsüchtig, unterwürfig, unstet, voller Schuldgefühle. Dass es ihm dennoch gelingt, den Mord an seinem Vater aufzuklären und seinen Sohn und sich selbst vor dem Tod zu bewahren, offenbart, letztendlich, wohin die Reise nach Valparaiso tatsächlich führt - dass die Sehnsucht, hinüberzuwechseln in ein anderes Leben, nicht in dem fernen Ort zu finden ist, sondern in der Verantwortung für ein Leben, und sei es auch das eigene.
Dermot Bolger: Die Reise nach Valparaiso. Roman, aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Rotbuch Verlag 2003, 444 S., 23 Euro

(c) Kersten Flenter
16.1.08 18:08


Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula

Der Erzähler blickt, während er in 5415 Meter Höhe in Nepal mit den Lippen an einer tibetanischen Gebetsplatte festgefroren ist, an seine Kindheit und Jugend im äußersten Norden Schwedens zurück. Was auf diesen aberwitzigen Prolog folgt, ist die Geschichte vom Heranwachsen zweier Jungen im Tornedal, nahe der finnischen Grenze, die Geschichte von Matti und seinem schweigsamen Freund Niila, und das ist von einer solch mitfühlenden und -reißenden Komik, dass der Leser von Zeit zu Zeit grinsend das Buch aus der Hand legt, nur um beglückt und süchtig nach mehr sogleich zurückzukehren.
Niemi beginnt seine Geschichte Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Menschen und Landschaft des Tornedals sind eigenwillig und schroff, der Geist geprägt von der religiösen Bewegung des strengen und lustfeindlichen Laestiadanismus. In dieser Umgebung werden Matti und Niila Freunde, lernen die Repressalien der Schulzeit kennen, überleben Sauna- und Saufwettkämpfe und die Luftgewehrkriege rivalisierender Jugendbanden. Und als die "Populärmusik" in Form einer Beatles-Single Einzug nach Vittula, dem Stadtteil, der übersetzt soviel wie "Fotzenmoor" bedeutet, erhält, werden die beiden mit ihrer Schülerrockband gar zu lokalen Berühmtheiten.
Niemi wechselt in seinen Episoden rasant zwischen schreiender Komik und zärtlich-melancholischen Beschreibungen, zwischen tragischen Familiengeschichten mit Gewalt und Tod bis hin zu aberwitzigen Slapstickeinlagen.
Während es im Tornedal ständig kalt ist, wird dem Leser in diesem fulminanten Roman immer wärmer ums Herz. Mikael Niemi ist ein brillanter Erzähler, und dieser Roman ist großartig, herrlich, meisterhaft!

Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula.
Roman, aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt, btb Verlag, 305 S., 19.90 Euro

(c) Kersten Flenter
16.1.08 18:06


[erste Seite] [eine Seite zurück]  [eine Seite weiter]



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung