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Ingvar Ambjörnsen: Die Königin schläft

Er ist seit langem der populärste zeitgenössische Autor in Norwegen, und auch in Deutschland hat Ingvar Ambjörnsen in den letzten Jahren viel Boden gut gemacht. 1000 Seiten hat Ingvar Ambjörnsen, der seit 1985 mit seiner Frau und Übersetzerin Gabriele Haefs in Hamburg residiert, seinem schrulligen Helden Elling in vier Romanen gewidmet, die in Norwegen mit den höchstdotierten Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. Die Verfilmung des Romans Blutsbrüder unter dem Titel "Elling" ist der erfolgreichste norwegische Film aller Zeiten, wurde für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert und läuft seit einiger Zeit auch erfolgreich hierzulande. Nun legt Ambjörnsen nach dem großen Opus Elling einen überraschenden, schmalen, stillen Roman vor, eine ungewöhnliche Liebesgeschichte voll von trauriger Zärtlichkeit: "Die Königin schläft." Als Setting genügen Ambjörnsen wenige Stunden eines einzigen Tages, um die Lebens- und Liebesgeschichte eines alternden Paares zu erzählen.
Der Erzähler, der ehemalige Bankangestellte Astor, ist 56 Jahre alt und Ehemann der "Kioskkönigin" Grete Reim. Grete ist rettungslos dem Alkohol verfallen, und Astor hält so gut er kann, mit: "Ich denke nur ein wenig über die Liebe nach. Und außerdem mache ich mir in meinem Laptop ein paar Notizen. Und ich trinke."
Mittels Rückblenden erzählt Astor den Beginn ihrer Liebe, die kinderlos blieb, 34 Jahre zuvor, den Aufstieg Gretes als erfolgreiche Autorin von Groschenromanen (die zu Hauf an Kiosken verkauft werden, deshalb ihr Spitzname), das langsame Heranschleichen der Sucht, und von der Loyalität, mit der Astor sich in den Strudel aus Alkohol mit hineinfallen lässt. Während Gretes alkoholbedingte Aussetzer und Eskapaden immer heftiger zu Tage treten, bemüht Astor sich um die Aufrechterhaltung einer halbwegs geordneten Lebensführung - er beseitigt morgens die Überreste von Gretes Exzessen und bemüht sich, selbst beim Trinken eine feste Ordnung beizubehalten. Das Haus unterliegt einer klaren Teilung, Nächte verbringen die beiden nicht mehr zusammen. Astor residiert im oberen Stockwerk der Villa, im Erdgeschoss ist "Greteland".
In der Langeweile ihrer Tage, sinniert Astor, verhalten sie sich, "als sei das Unnormale absolut alltäglich", und er fragt sich, ob sie sich je einen selbständigen Gedanken über Liebe und Tod gemacht haben. So bleibt die Beschäftigung mit der Liebe für ihn die Beschäftigung mit deren Zerrbild. Kann es reale Liebe geben? Astor kommt zu dem Schluss, dass es immerhin die Sehnsucht nach erdichteter Liebe gibt, der Liebe, wie sie in den Büchern der Kioskönigin erscheint - "Wir können nicht mit hundertprozentiger Sicherheit behaupten, dass es sie nicht irgendwo gäbe. Wir können nur sagen, dass wir sie nicht so erlebt haben." Bis ein plötzliches Ereignis von außen die beiden alternden, aufgeschwemmten und doch sich liebenden Körper wieder zusammenführt.
Ambjörnsen hat mit "Die Königin schläft" ein leises Buch über die Liebe und eine präzise psychologische Studie über menschliche Abgründe geschrieben, und seinen Lesern einmal mehr eine andere Welt gezeigt, in der die Liebe aus dem Schattenreich der Trostlosigkeit hervortritt und obsiegt.

Ingvar Ambjörnsen: Die Königin schläft. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs, Scherz Verlag 2002, 125 S., 14.90 Euro

(c) Kersten Flenter
16.1.08 18:04
 
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