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Richard und Ianthe Brautigan - Feste der Melancholie

Fast gleichzeitig erschienen jüngst zwei Bücher, die Leben, Werk und Bild des amerikanischen Kultautors Richard Brautigan erleuchten, der nachgelassene Roman "Eine unglückliche Frau", sowie die Erinnerungen seiner Tochter Ianthe Brautigan unter dem Titel "Den Tod holen".


Richard Brautigan: Eine unglückliche Frau

In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts beschrieb Richard Brautigan mit seinen Büchern das Lebensgefühl einer ganzen Generation. Romane wie "Forellenfischen in Amerika" oder "Die Abtreibung" waren ausnahmslos Bestseller, und seine Kurzprosasammlung "Der Tokio Montana Express", veranlasste den französischen Autor Philippe Djian zu der Äußerung, Richard Brautigan sei "ein Grund das Leben zu lieben". 1984 beging der Autor in seinem Haus in Bolinas Selbstmord mit einer 44er Magnum.
Posthum, 16 Jahre nach seinem Tod in den USA erschienen und nun in diesem Jahr auch in deutscher Übersetzung im kleinen Augsburger MaroVerlag, liegt mit dem Roman "Eine unglückliche Frau" das literarische Vermächtnis Brautigans vor. Das Thema "Tod" zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Roman, dessen Komposition, stilistisch ein Patchwork aus Notizbuch, Tagebuch und Reiseerzählung, zwar im gewohnt ironisch-surrealen Stil des Autors gehalten ist, aber einer klaren Form folgt.
Brautigan nennt seinen Roman den "Kalender der Reise eines Mannes während einiger Monate seines Lebens": Eine Frau, in deren Haus Brautigan für eine Weile wohnte, hat sich erhängt. Deshalb flüchtet er aus Berkeley, reist nach Alaska, nach Hawaii, San Francisco, Chicago und schließlich nach Montana. Stets kehren während dieser Reise die Gedanken an den Tod zurück. Dabei gelingen Brautigan, wie in allen seinen Büchern, Sätze von einer entwaffnenden traurigen Schönheit.
Nicht immer ist dem Leser klar, ob er es nun mit einer fiktiven Handlung oder tatsächlichen biographischen Ereignissen des Autors zu tun hat. Brautigan schreibt sein letztes Buch in ein 160-seitiges Notizbuch mit jeweils 14 Zeilen pro Seite, schreibt so lange, bis das Notizbuch voll ist, nimmt sich vor, niemals zurückzublättern oder Korrekturen anzubringen. So wird die Zeitspanne des Romans quasi in Echtzeit mitstenographiert und trägt den Autor gegen Ende immer näher an die eigene Biographie. Deutlich wird, wie sehr Brautigans Gedanken um den eigenen Tod und die traurige Kindheit kreisen, am Ende dann um die eigene Tochter, Ianthe, zu der er ein sehr problematisches, entfremdetes Verhältnis hatte.
Im Motto, das Brautigan dem Buch voranstellt, zitiert er Euripides' "Iphigenie in Aulis". Im Dialog zwischen Agamenon und seiner Tochter Iphigenie erscheint sinnbildlich für Brautigans eingenes Vater-Tochter-Verhältnis: Iphigenie wird scheinbar vom Vater geopfert, damit die Göttin ihm günstige Winde schickt, um Troja zu erobern, und die Tochter fügt sich: "Komm du / Von Troja uns recht bald und siegreich wieder!"
Am Ende des Buches thematisiert Brautigan das Verhältnis zu seiner Tochter explizit. Sie sprechen kaum miteinander, haben sich nichts zu sagen. Ein Telefonat zwischen beiden endet desolat. Am Schluss des Buiches heißt es: "Auf dieser Seite sind noch zehn Schreibzeilen frei, und ich habe mir vorgenommen, die letzte Zeile nicht zu benutzen. Ich spare sie auf für das Leben von jemand anderem. Er wird sie hoffentlich besser nutzen als ich." Und dann die letzte Zeile: "Iphigenie, Dein Papa ist wieder aus Troja zurück!"
Die Literatur soll hier, wieder einmal, ein misslungenes Leben heilen. Ianthe Brautigan, die Tochter, unternimmt nach Brautigans Tod einen Selbstmordversuch, macht anschließend eine Therapie und schreibt selbst ein Buch: "Den Tod holen - Erinnerungen einer Tochter", das ebenfalls dieser Tage in Deutsch erschienen ist, und zwar im neugegründeten Kartaus-Verlag.
Ein Rätsel bliebt, warum dieser Roman erst 16 Jahre nach Brautigans Tod erschien, und warum ihn in Deutschland bis auf den kleinen, umtriebigen Augsburger MaroVerlag zunächst niemand haben wollte. Sicher, Brautigan reizt den ihm eigenen Stil in seinem letzten Buch bis zur Schmerzgrenze aus. Nichtsdestotrotz ist es die einzigartige Sprachkunst Brautigans, die auch dieses letzte Buch zu einem Leseerlebnis werden lassen; seine Sprache, die dem scheinbar Beiläufigen eine eigene Wirklichkeit zu verleihen mag, oder, wie sein Biograph Keith Abbott es nannte, seine Fähigkeit, die Dinge noch einmal "ganz ursprünglich und direkt" zu sehen, "so als schaute er sie zum ersten Mal an".

Richard Brautigan: Eine unglückliche Frau. Aus dem Amerikanischen von Günther Ohnemus. MaroVerlag, 130 S., 14.90 Euro


Ianthe Brautigan: Den Tod holen

"Mein Vater hatte Probleme mit dem Geld, Probleme mit der Familie und dem Trinken, sein größtes war jedoch, dass er nicht leben wollte."
Ianthe Brautigans Buch lässt sich nicht so recht in die gewohnten Formen des Auto- und Biographischen einordnen; die Anekdoten und Erinnerungen an den Vater sind teils höchst literarisch. Es handelt sich hierbei nicht nur um "die Erinnerungen einer jungen Frau an ihren eigenen Schmerz und daran, was in ihr selbst vorging, während sie sich mit den Rätseln um das Leben und den Tod ihres Vaters beschäftigte", wie sie selbst schreibt.
Ianthe Brautigans Kindheit und Jugend gleicht einer langen Reise. 1960 wird sie geboren, 1963 trennen sich die Eltern zu Weihnachten. Immerhin bewohnt Richard Brautigan bis 1974 immerhin stetig ein Appartment in der Geary Street in San Francisco, aber von da ab pendelt das Mädchen immer mehr. 1975 zieht die Mutter von San Francisco nach Hawaii, Brautigan wohnt später zugleich in Bolinas, wo er sich später erschießt, und auf seiner Farm in Montana, immer wieder unterbrochen durch zahlreiche Reisen, wie seine berühmten Japan-Aufenthalte.
Ianthe Brautigan hatte nicht, wie seine Fans und Kritiker, die Möglichkeit, ihren Vater auf die Elemente zu reduzieren, die für ihre eigene Interpretation genügen; sie ist, ebenso schmerzhaft wie beglückt, mit sämtlichen Facetten seiner Persönlichkeit konfrontiert, dem gesitreichen Wortwitz und sprühendem Einfallsreichtum ebenso wie dem übermäßigen Alkoholkonsum und seinen Schatten, der Unzuverlässigkeit, dem Katzenjammer und den exzentrischen Aussetzern. Bewunderung mischt sich mit Leiden am Vater, diesem "magischen Vater, der begonnen hatte, sich selbst zu zerstören und mich einfach als Zuschauerin zurückließ." Bereits im Alter von 8 Jahren eröffnet ihr der Vater seine Verwunderung darüber, dass er sein 30. Lebensjahr erlebte. Als sie 14 ist, eröffnet Brautigan ihr, dass er sich in einer Nacht zuvor umgebracht hätte, wäre nicht sie da, der er den Anblick nicht zumuten wollte. Kaum verwunderlich also, dass Ianthe sich lange Zeit die Schuld am Tod des Vaters gibt. So ist das Buch auch eine Befreiungsarbeit von den Selbstvorwürfen, die zuweilen soweit gingen, zu glauben, der Tod könnte ansteckend sein, bis sie zu der Erkenntnis gelangt, dass man sich den Tod nicht holen kann wie eine Krankheit: "You can't Catch death", so der Originaltitel.
Daneben ist "Den Tod holen" ein Buch voller wunderbare Anekdoten, etwa über Brautigans schrulligen Umgang mit Telefonen - ein bereicherndes Buch über einen der großen Autoren des 20. Jahrhunderts. Kein Geringerer als Dennis Hopper brachte es auf den Punkt: "Dies ist ein Fest, Ianthe Brautigan. Genau wie das refelktierende, rauschende Wasser unter der Brücke auf dem Weg zur Hüte deines Vaters schickst du Funken nach oben, mit denen du die dunklen Risse in seinem wunderbar humorvollen, freundlichen und streitlustigen kreativen Lebens erhellst."

Ianthe Brautigan: Den Tod holen. Erinnerungen einer Tochter. Aus dem Amerikanischen von Norbert Nesta. Kartaus Verlag 2002, 190 Seiten, 17.50 Euro

(c) Kersten Flenter
16.1.08 18:05
 
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