Skizzen von unterwegs

  Startseite
    Skizzen von unterwegs
    Frisch gelesen!
    Wiedergelesen...
    Dominante Versager
    Urban Electronic Poetry
    Lesebühne OraL
  Über...
  Gästebuch
  Abonnieren
 


http://myblog.de/kersten

Gratis bloggen bei
myblog.de





Mai 2008 - Vom Missbrauch des Mondes

Ich stand mit dem Fernglas in der Hand vor Stroganows Kiosk und sah mir den Mond an. „Meinst du, der reicht aus?“, fragte ich Mittelschmidt. „Wozu?“ wollte der wissen.
„Für den Mondlicht-Einkauf“, sagte ich. „Häh!?“ „Moonlight-Shopping, du dummer Praktikant. Die Tageszeitung brachte neulich einen großen Artikel über den Erfolg des ersten „Moonlight-Shopping“-Events in der Innenstadt. Angeblich sollen 150.000 Leute an einem Freitagabend wild konsumierend durch die City gestreunt sein.“
„Kann ich mir gut vorstellen. In diesem Land funktioniert ja mittlerweile jeder Blödsinn, jede noch so schwachsinnige Marketingstrategie. Der Comedian Mario Barth füllt das Berliner Olympiastadion. Warum zieht es 70.000 Leute in ein Stadion, um dort einen mindertalentierten Spacko zu sehen, den man ja gar nicht live, sondern nur noch auf einer Leinwand sehen kann?“ „Weil es ein Event ist. Übrigens ist das ja nicht neu. In den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhundert sind die Leute auch in Scharen ins Olympiastadion gerannt, um dem ein oder anderen Deppen zu lauschen.“
„Moonlight-Shopping… so eine Hirngrütze“, sagte ich, „das habe ich doch jeden Tag auf meinem Kiez. Mein Kiosk hat bis mindestens 24 Uhr geöffnet, und das jeden Tag in der Woche.“ „Außerdem muss man mit den kleinen Geschäftsleuten solidarisch sein!“ „Ja, aber Solidarität ist teuer. Ich kaufe ja jeden Monat 70 Exemplare des Asphalt-Magazins, um meinen Beitrag zu Solidarität und Toleranz zu leisten. Mit der Folge, dass ich sie mittlerweile selbst verkaufen muss.“ Egal. Für uns gibt es nur eines: WIR KAUFEN AM KIOSK!
Und das freut Stroganow. Ein Kiosk ist die letzte Bastion des Einzelhandels gegen die Monopolisierung des privaten Konsums. In einem Kiosk wird der Kassierer nicht per Video überwacht, der Käufer nicht beim Eintippen seiner EC-Geheimzahl gefilmt, du zahlst auch nicht mit gläsernmachender Paybackkarte, und erst recht bekommst du am Kiosk keine Sammelpunkte, für die man Dinge kauft, die man gar nicht braucht, um Rabatt auf Dinge zu bekommen, die man ebenfalls nicht braucht. Nein, der Kiosk ist die letzte Zufluchtstätte der Vernunft in einer blödsinnig gewordenen Konsumlandschaft. Der Kiosk ist der legitime Nachfolger des Tante Emma-Ladens, das heißt, die Tante Emma-Läden sind gar nicht verschwunden, wie wir immer klagend behaupten. Es sind jetzt lediglich Onkel Achmed-Läden, aber wir bekommen dort immer noch alles, was wir für den täglichen Bedarf benötigen. Vor allem Bier. Und Sinn und Verstand.
25.5.09 18:25
 
Letzte Einträge: September 2008 - Per Rollator durchdie Galaxis, Oktober 2008 - Von Autos und Vorbildern, November 2008 - Sphären fortschreitender Verblödung, Dezember 2008 - Die großen Fragen der Menschheit, Teil 4: Wo, verdammt noch mal, ist schon wieder mein Schlüsselbund geblieben?, April 2009 - Inventur, Mai 2009 - Tränen der Freude in Mehmeds Pizza Burger



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung