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September 2008 - Per Rollator durchdie Galaxis

Neulich mittags saß ich mit Stroganow und Bülent Mittelschmidt im „Die paar Ungarn“ und feierte den 1408. Tag meiner Befreiung aus der Festanstellung. Stroganow ging es nicht gut, er hatte die Nacht zuvor für Mittelschmidt Bewerbungen aus dem Internet runtergeladen und war entsprechend verkatert, also wollte er sich nur eine kleine Portion Essen bestellen und entschied sich, hierfür den Seniorenteller zu wählen. Überrascht stellten wir fest, dass das Angebot an rentnermagengerechten Speisen seit unserem letzten Blick dafür anscheinend rasant zugenommen hatte. Statt der Miniportion Jägerschnitzel mit Salatgarnitur gab es allerhand vegetarische Kost und Fitnessmenues. „Wozu sollen sich denn die Senioren noch gesund ernähren?“, entfuhr es Mittelschmidt, aber Stroganow besänftigte ihn. „Niemand, mein ewiger Arbeitsmarktnachwuchs, ist heute gefragter als die Alten, sich für die Anforderungen des Erwerbslebens fit zu halten. Wir alle wollen die Auszahlung unserer privaten Altersvorsorge erleben, sind deshalb gezwungen, zumindest so alt zu werden, dass wir das Vertragsende dessen erleben, was wir niemals hätten abschließen müssen, wäre da nicht er Zwang der Versicherungsindustrie, möglichst alt zu werden, damit wir Verträge mit ihr über möglichst lange Laufzeiten abschließen können.“ „Häh!?“ fragte Mittelschmidt. „Häh?!“, fragte ich. „Häh, was!?“, wollte Stroganow wissen. „Mehr Licht“, sagte ich. „Mehr Bier“, antwortete Mittelschmidt. „Euer Unverständnis simplen Schachtelsätzen gegenüber zeigt nur eure geistige Unbeweglichkeit“, raunzte Stroganow, „eure Denkmurmel ist bereits verrentet. Wir müssen aber in Bewegung bleiben, um später einen Platz und Zeit für unsere sinnlosen Gespräche zu haben, wenn sie weiterhin solche bleiben sollen.“ „Schon klar“, sagte ich, „beweglich bleiben.“
Mobilität heißt das Zauberwort des 21. Jahrhunderts. Auch ein 66-jähriger Ingenieur, der nach 39 Jahren Festanstellung seine Stelle verloren hat, sollte bereit sein, für einen 1-Euro-Job täglich zwischen Linden und Bullerbü zu pendeln, das nennt man Zumutbarkeitsklausel und hält die Leute in Bewegung. Dies freut vor allem die Autoindustrie und die Deutsche Bahn. Solange wir es nicht geschafft haben, uns in Raumschiffen fortzubewegen, um den ganzen Schlamassel mal mit Abstand zu betrachten. Per Rollator durch die Galaxis. Weiß jemand die Frage für alle Antworten? „Wir sind die Jungs von der Rollator-Gang, wir haben alle abgehängt“, zitierte Stroganow einen Toten Hosen-Klassiker. Wie werden wir mal enden, dachte ich, als rüde Rentner, die sich beim Headbangen am Rollator festhalten, beim AC/DC-Konzert? Alt-Punks mit meterlangen Ohrlappen, in denen verrostete Sicherheitsnadeln hängen? Was würde die Zukunft für Leute wie uns bringen, die mit der Gewissheit aufgewachsen sind, keine Zukunft zu haben? Auf dem Green Hills Memorial Park-Friedhof hoch über Los Angeles steht auf dem Grabstein eines verstorbenen Dichters: „Don’t try“ – „Lass es bleiben“. Ein ernst gemeinter Rat an alle, die versuchen, dies hier zu verstehen.
25.5.09 18:28
 
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