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Oktober 2008 - Von Autos und Vorbildern

Stroganows Tochter suchte gerade verkaufsfähige Altlasten für den Flohmarkt zusammen. „Ich bin schließlich zu alt für diesen Kinderkram“, gab sie mit der allen 9-jährigen Mädchen innewohnenden Zickigkeit zu verstehen, als mein Blick auf ein Pixie-Buch fiel. Schon in meiner eigenen Kindheit, die gut verpackt in den Gräbern der zweiten Hälfte eines vergangenen Jahrhunderts lag, hatte ich die philosophischen Werke Carla und Vilhelm Hansens geschätzt. Es waren Sätze wie der folgende, auf den ich gerade stieß, die mir stets das eigene Denken beflügelt hatten: „Du hast ein Auto? Aber warum musst du dann soviel nachdenken?“
Kann man die Gedankenlosigkeit der Auto fahrenden Spezies besser in einem Satz formulieren?
„Klar“, mischte Stroganow sich ein, „der Beckstein kann es.“ „Logisch, dass du auf solche Ausschweifungen abfährst“, murrte ich, „du profitierst ja schließlich auch vom Bierkonsum der S-Klasse!“ „Nix, bei mir kaufen kaum Mercedesfahrer.“ „Ich mein ja auch die Sauf-Klasse.“ „Damit kannst du Beckstein aber nicht vergleichen“, insistierte Stroganow, „Beckstein ist zwar ein saufender Proll, aber ein bayrischer. Die Bayern trinken ihr Bier nur deshalb maßweise, weil diese ungenießbare Plörre einfach nicht betrunken macht. Von daher hat er mit seiner Ansicht, man könnte nach zwei Maß Bier noch Autofahren, schon recht. Ich weiß nicht, warum sich alle so darüber aufregen.“ „Da geht es doch um die Vorbildfunktion“, ätzte ich. „Vorbild? Beckstein? Bist du völlig meschugge?“ „Die allgemeine Vorbildfunktion eines Politikers, du Affenhintern.“ „Sag ich doch – du bist vollkommen gaga!“ „Kann ich langsam mal mein Petzi-Buch wieder haben?“, seufzte Stroganows Tochter. „Nein“, sagte ich, „dass kauf ich dir ab. Was willst du dafür?“ „5 Euro.“ „5 Euro??? Das kostet doch neu nur 1,50!!?!“ „Nach eurem Streit finde ich, dass der Marktwert aber viel höher ist.“
„Sag mal“, wollte ich von Stroganow wissen, „was bringst du deiner Tochter eigentlich sonst noch bei außer Bierphilosophie und Vulgärkapitalismus?“ „Schnauze! O’zapft is’!“ Stroganow reichte mir ein gutes altes Lindener Pils aus der Halbliterflasche. Wir ließen unseren Phantasien freien Lauf und plauderten die nächsten 20 Minuten über die Dinge, die niemanden mehr interessierten: die Galaxis, die Börsenkrise und Walter Benjamin. „Hat der was mit Benjamin Blümchen zu tun?“, wollte Stroganows Tochter wissen. „Jetzt reicht’s“, sagte ich, „ich muss los.“ Ich nahm Stroganows Autoschlüssel und machte mich auf den Weg, um die Beckstein-Theorie zu testen.
25.5.09 18:29
 
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