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November 2008 - Sphären fortschreitender Verblödung

„Mein Kiosk kann fliegen“, sagte Stroganow, als ich gerade in einer Tageszeitung vom Tod Jörg Haiders las. War Haiders Autounfall ein Zufall, oder hat er sich bewusst aus dem Staub gemacht? Schon ein Landsmann von ihm, der Sänger Falco, hatte seinerzeit, da war zumindest unser Verschwörungsexperte Stroganow sicher, stilsicher seinen eigenen Tod per Autounfall inszeniert. Ohne den Nazi mit dem talentierten Sänger in einen Topf werfen zu wollen, besteht zumindest auch bei Haider die Möglichkeit, dass er in Dinge verstrickt war, von denen wir lieber nichts wissen. Denken Sie an Barschel. Zur Zeit der Börsencrashs ließen sich Möglichkeiten für Haiders Abgang zuhauf finden. Und das mit dem zu schnellen Auto und den 1,8 Promille – da hat sicher jemand an den Bremsen gespielt und ihm den Alkohol heimlich injiziert. „Sag mal“, falle ich Stroganow in die Gedanken, „reicht es nicht einfach, dass Haider weg ist? Können wir uns nicht einfach auch mal freuen, ohne gleich garstige Hindergedanken zu hegen? Dein Kiosk kann also fliegen. Das ist doch auch was.“
„Ja, mein Kiosk kann fliegen“, freute Stroganow sich.
„Wie heißt diese neue Droge, die du da eingeworfen hast?“, frage ich neugierig.
„Das Weltall – unendliche Weiten!“, sinniert Stroganow, „es ist gut, ein bisschen weltentrückt zu werden, oder?“
„Wir brauchen alle mal Urlaub“, warf ich ein.
„Es geht um mehr, du Hasenhintern. Es geht darum, mal Abstand zu gewinnen von unseren eingefahrenen Sichtweisen. Jetzt, wo die Banken und Börsenmakler mal endlich als das wahrgenommen werden, was sie sind, nämlich Jongleure virtueller Werte; jetzt wo die Leute auf einmal wieder anfangen, Marx zu lesen und den Sparstrumpf aus der Wäschetruhe holen, da brauchen wir mal eine Änderung des Blickwinkels. Diese neue Substanz, die mein Freund Mittelschmidt jüngst bei einem Praktikum in einem chemischen Labor entdeckte, wird uns dabei helfen. Du kannst sie rauchen, trinken, inhalieren oder in Baumkuchen einbacken. Ich verkauf Dir das Zeug zum Vorzugspreis.“
„Danke“, sagte ich, aber ich versuche lieber mal, einen klaren Kopf zur Analyse des bizarren Weltgeschehens zu behalten.“
Stroganow schüttelte sich vor Lachen, und mir war nicht klar, ob es an der Droge oder meiner Äußerung lag. Er half mir auf die Sprünge.
„Ein klarer Kopf ist genau das, was uns die Vertreter der Finanzwelt auch immer vorgaukeln. Vorgeblicher Realitätssinn, Geschwätz von Globalisierung, der wir uns stellen müssten, ihre vom Prozess gesellschaftlicher Wertschöpfung abgehobene Geldblase – DAS ist die wahre Verneinung der Realität. Und das merken sie jetzt langsam.“
„Merkt wer?“, wunderte ich mich.
„Na, ich nicht“, trotzte Stroganow. Er war dann mal weg. In Sphären fortschreitender Verblödung. „Bring mir was Schönes mit, wenn du wiederkommst!“, bat ich noch, bevor Stroganows Kiosk das Triebwerk zündete.
25.5.09 18:30
 
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